Autor: Christoph Hörl
Letzte Aktualisierung: 19.10.2009

Web 2.0: Was das Marketing von der Politik lernen kann

Barack Obama setzte im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Herbst 2008 mit Erfolg auf umfangreiche Aktivitäten im Web. Sicherlich hatte dieser Onlinewahlkampf nur einen geringen Anteil am letztendlichen Wahlerfolg, doch erreichte er damit viele Unterstützer – und das nicht nur in den Vereinigten Staaten.

Im deutschen Superwahljahr 2009 mit der Europawahl im Juni, der Bundestagswahl im September sowie einer Reihe entscheidender Landtagswahlen suchen die Parteien und Politiker vermehrt den Weg ins Internet.

Von der Euphorie in den USA gepackt, beginnen viele Politiker das Konzept "Obama" zu übernehmen und es entstehen an vielen Stellen plumpe Kopien. Anfang Mai fand in Berlin das PolitCamp09, die wichtigste Veranstaltung zum Onlinewahlkampf 2009, statt. Dort wurde klar, dass man Obama als Vorbild heranziehen kann, aber nicht stur kopieren darf. Der deutsche Wahlkampf läuft anders, wenngleich ein richtiger Onlinewahlkampf 2009 noch nicht denkbar ist. Dennoch gibt es eine Reihe positiver Beispiele, von denen das Marketing viel lernen kann.

Transparenz und Authentizität sichern Erfolge
Für die Politik steht fest: Wer nicht Transparenz und Authentizität zeigt, wird langfristig keinen Erfolg mehr haben. Ähnliches wird auch für Unternehmen in Zukunft gelten. Nur wer sich authentisch zeigt und die Fassade aus Website, Werbetexten und Corporate Design ablegt, wird das Vertrauen von mehr Kunden gewinnen können.

Bisher laden Sie nur den Großkunden in Ihr Unternehmen ein und gewähren ihm Einblick in die Büros und Produktionsräume. Lassen Sie doch alle Interessierten hinter die Kulissen schauen. Starten Sie ein Corporate Blog, in dem nicht nur Pressemitteilungen veröffentlicht werden, sondern auch weniger perfekte Dinge erscheinen. Zeigen Sie das Chaos kurz vor dem Ende eines Großprojekts in Ihrer Agentur, bringen Sie Fotos von einer kleinen Festlichkeit mit den Mitarbeitern oder machen Sie mit kurzen Videos entscheidende Arbeitsabläufe in der Produktion für alle sichtbar. Wichtig ist, dass alle Mitarbeiter aller Arbeitsbereiche erkennbar sind. Oder was wäre eine Vertriebschef ohne seine Produktion?

Ein Politiker kann nur Unterstützer und Wähler für sich gewinnen, wenn diese das Gefühl haben, dass er sich um ihre Belange kümmert und ihre Interessen vertritt. Diese Bedürfnisse der Bürger kann er nur im persönlichen Gespräch erfahren und nur so kann er ihnen seine Wertschätzung zeigen. "Kommunizieren" wird oftmals als einseitige Verbreitung einer Werbebotschaft verstanden, doch Kommunikation beinhaltet auch einen Rückkanal – das Zuhören. Hören Sie zu, was Ihre Kunden über Ihr Unternehmen, über Ihre Produkte und Dienstleistungen schreiben. Verfolgen Sie mit Google Alerts, was im Internet neu über Sie auftaucht, oder nutzen Sie Blogsuchmaschinen, um mitzuverfolgen, was in der Blogosphäre über Sie geschrieben wird. Suchen Sie bei negativer Kritik den direkten Kontakt zu den Betroffenen, ermitteln Sie die Ursache und schaffen Sie Abhilfe.

Wenn Sie sich hier offen zeigen, wird der Blogger mit Sicherheit einen weiteren Eintrag schreiben, der den Ausgang des Problems positiv bewertet. Wählen Sie auch bei Lob und positiver Erwähnung mit ein paar dankenden Worten oder einem kleinen Gutschein den direkten Kontakt und zeigen Sie damit Präsenz.

In vielen Fällen sehen Sie im eigenen Unternehmen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Zahlreiche über Jahre hinweg fest eingefahrene Arbeitsabläufe sind für Sie so selbstverständlich, dass Sie nicht über deren Optimierung oder Umstrukturierung nachdenken.

Die Sichtweise des Kunden kennen
Die Sichtweise des Kunden kennen Sie meist noch weniger. Umso wichtiger ist es, den Kunden zu fragen und einzubeziehen. Die Kunden kennen die Abläufe in anderen Unternehmen, schätzen dortige Abläufe und erkennen so leichter Verbesserungspotenzial. Wenn Sie ein konkretes Problem haben und nicht die eigene optimale Lösung finden, kommunizieren Sie das und fragen Sie Ihre Kunden um Hilfe. Vergessen Sie aber nicht im Anschluss die Umsetzung der Optimierung ähnlich transparent zu gestalten.

Sie möchten sich ein neues Fernsehgerät anschaffen. Ihnen liegt ein Vergleichstest einer Fachzeitschrift vor und der positive Bericht eines Freundes zu einem bestimmten Produkt. Wem vertrauen Sie mehr? Mit Sicherheit Ihrem Freund. Suchen Sie nach Multiplikatoren, also Käufern, die von positiven Erfahrungen mit Ihren Produkten öffentlich berichten, oder Kunden, die gerne sagen, dass sie mit Ihnen zusammenarbeiten. Ermutigen Sie Ihre Kundschaft dazu, über Ihr neu gekauftes Produkt zu bloggen oder auf diversen Plattformen Bewertungen abzugeben, und belohnen Sie das mit Gutscheinen oder Rabatten.

Sie können auch in Facebook, dem in Deutschland sehr stark wachsenden Social Network, eine sogenannte Fan-Seite anlegen. So können Ihre Kunden mit nur einem Klick ihrem Netzwerk zeigen, dass sie ein "Fan" Ihres Produkts oder Ihres Unternehmens sind. Übrigens können Sie darüber auch sehr einfach Ihre Fans mit Informationen über andere oder neue Produkte versorgen.

Ein wichtiges Instrument bei der Kommunikation mit den Kunden kann auch Twitter sein. Streuen Sie interessante Informationen über Ihr Unternehmen und Ihre Produkte ein, kündigen Sie wichtige Dinge an oder veranstalten Sie ein Gewinnspiel. In Twitter erreichen Sie durch Retweets und Fragestellungen sehr einfach einen Multiplikatoreffekt. Aber hören Sie auch hier wieder zu und reagieren Sie auf Fragen und Bemerkungen, die direkt an Sie gerichtet sind.

Christoph Hörl

Experte: Herr Christoph Hörl

Christoph Hörl arbeitet selbstständig als Freier Webworker und Berater. Neben der Erstellung von Internetauftritten für Unternehmen und Organisationen hat er sich auf die Beratung zu den Themen Politik im Web, Produktivität im IT-Umfeld und Google-Dienste spezialisiert."

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© 31.07.2010